Teil 3 von 3 unserer Serie über eigene Experimente mit Entscheidungsmodellen.

Die Ausgangslage

Im zweiten Teil haben wir den Strands Decider 2B Kniffel spielen lassen. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur 15 von 114 Entscheidungen waren optimal, kaum mehr als bei zufälliger Wahl. Schwerer wog ein anderer Befund: Das Modell bewertete weniger die Würfel als die Reihenfolge der Optionen. Stand die beste Option vorne in der Liste, gewann sie in 71 von 78 Fällen, stand sie hinten, in keinem einzigen.

Daraus ergab sich die Frage für diesen Teil: Lässt sich einem kleinen Entscheidungsmodell ein Fachgebiet gezielt beibringen – so, dass es bessere Entscheidungen trifft und dabei nicht mehr auf die Reihenfolge der Liste achtet?

Der Ansatz: Ein Lehrer, der nie irrt

Kniffel hat einen großen Vorteil, den wir schon im zweiten Teil genutzt haben: Die optimale Strategie lässt sich exakt berechnen. Damit steht ein Lehrer zur Verfügung, der in jeder Spielsituation die beste Entscheidung kennt. Für das Training mussten wir also keine Daten von Hand bewerten.

Statt das ganze Modell neu zu trainieren, haben wir ein sogenanntes LoRA trainiert (Low-Rank Adaptation). Dabei bleibt das eigentliche Sprachmodell unverändert, und nur ein kleiner Zusatz mit vergleichsweise wenigen Parametern wird angepasst. Das ist deutlich günstiger als ein vollständiges Training und lässt sich auf einer einzelnen Grafikkarte durchführen.

Der Aufbau im Überblick:

flowchart LR
    S["Exakte Strategie<br/>berechnet die beste Aktion"] --> D["3.000 Spielsituationen<br/>Optionen zufällig gemischt"]
    D --> L["LoRA-Training<br/>Basismodell eingefroren"]
    L --> T["Test auf eingefrorenen<br/>Situationen aus Teil 2"]
    D -. "Abgleich: keine Überschneidung" .- T

Drei Entscheidungen beim Aufbau waren uns besonders wichtig:

Wie schnell das Modell lernt

Trainiert wurde in zwei Durchläufen über die Daten. Während des Trainings haben wir regelmäßig gemessen, wie oft das Modell auf den Kontrolldaten optimal entscheidet:

Liniendiagramm: Anteil optimaler Entscheidungen auf Validierungsdaten während des Trainings; beim Behalten der Würfel steigt er von 15 % beim unveränderten Modell auf 61 % nach 640 Trainingsbeispielen und auf 79 % am Ende; beim Werten von 39 % auf 84 %

Die Kurve zeigt, wie viel schon wenige Beispiele bewirken: Nach rund 640 Trainingsbeispielen lag der Anteil optimaler Entscheidungen beim Behalten der Würfel bei 61 % statt bei 15 %. Danach ging es nur noch langsam voran. Für den Test haben wir nicht automatisch den letzten Stand genommen, sondern den mit dem geringsten Fehler auf den Kontrolldaten – das war kurz vor Ende des Trainings.

Das Ergebnis: von 15 auf 90 optimale Entscheidungen

Auf den 114 eingefrorenen Entscheidungen aus dem zweiten Teil sieht der Vergleich so aus:

Ursprüngliches Modell Nach dem Training
Optimale Entscheidungen gesamt 15 von 114 90 von 114
davon Würfel behalten 6 von 78 60 von 78
davon Werten 9 von 36 30 von 36
Schwierige Fälle mit 20–32 Optionen 0 von 40 28 von 40
Verschenkte Punkte je Entscheidung (Mittel) 5,53 0,30
Verschenkte Punkte über alle 114 Entscheidungen rund 630 rund 34

Am deutlichsten ist der Fortschritt dort, wo das ursprüngliche Modell völlig versagt hatte: Bei Entscheidungen mit 20 bis 32 Optionen war vorher keine einzige Wahl optimal, jetzt 28 von 40. Auch auf den 200 internen Testsituationen stieg die Zahl optimaler Entscheidungen von 35 auf 167.

Wichtig für die Einordnung: Der Test misst einzelne Entscheidungen in festen Spielsituationen, keine kompletten neuen Partien. Wie viele Punkte das trainierte Modell in einem ganzen Spiel erreicht, haben wir nicht gemessen.

Und die Reihenfolge?

Das war für uns die eigentlich spannende Frage. Wir haben dieselben Tests wiederholt wie im zweiten Teil: alle 78 Situationen zum Behalten der Würfel, mit umgedrehter und zweimal zufällig gemischter Reihenfolge.

Liniendiagramm vorher und nachher: beim ursprünglichen Modell gewinnt die beste Option 71-mal, wenn sie zuerst gelistet ist, und keinmal, wenn sie zuletzt gelistet ist; nach dem Training 54-mal zuerst und 58-mal zuletzt gelistet

Ganz verschwunden ist die Abhängigkeit allerdings nicht. Einige Entscheidungen kippen weiterhin, wenn man nur die Reihenfolge ändert, und beim Werten zeigte sich eine leichte Neigung zu weiter hinten stehenden Optionen.

Eine naheliegende Erklärung, die wir aber nicht geprüft haben: Die Reihenfolge war für das ursprüngliche Modell eine Ausweichstrategie. Wenn es die Optionen inhaltlich nicht unterscheiden konnte, griff es auf die Position zurück. Sobald es die Würfel verstand, brauchte es diese Krücke nicht mehr.

Was das Training mit dem Rest gemacht hat

Wer ein Modell auf ein Fachgebiet spezialisiert, sollte prüfen, ob es dabei anderswo schlechter wird. Dafür haben wir alle 22 unterschiedlichen Fragestellungen aus dem ersten Teil erneut vorgelegt – das Fertigungsszenario in seinen verschiedenen Formulierungen. In 21 von 22 Fällen blieb die gewählte Antwort gleich. Die Wahrscheinlichkeiten verschoben sich aber spürbar, um bis zu rund 23 Prozentpunkte. Ein Teil davon dürfte auf die neu eingestellte Kalibrierung zurückgehen; sauber getrennt haben wir das nicht. Für den produktiven Einsatz hieße das: Nach jedem Training gehören auch die bisherigen Aufgaben wieder in den Test.

Das Training kostete 3,26 Euro – das Projekt nicht

Trainiert haben wir auf einer einzelnen Grafikkarte vom Typ NVIDIA Tesla T4, gemietet als Container-Job in Microsoft Azure. Das Training lief über Nacht rund 4,7 Stunden. Die Azure-Rechnung dafür: 3,22 Euro für die Rechenzeit und 0,04 Euro für den Speicher, zusammen 3,26 Euro. Möglich war dieser niedrige Betrag auch durch das monatliche Freikontingent von Azure; zum vollen Listenpreis wären es nach unserer Rechnung rund 10 US-Dollar gewesen. Ein erster Versuch war übrigens schon gleich zu Beginn abgebrochen, weil im Container ein Compiler fehlte – auch das gehört zur Wahrheit.

Diese Zahl ist bemerkenswert, aber sie führt leicht in die Irre. Die Rechenzeit war der kleinste Teil der Arbeit. Den größeren Teil machten aus:

Genau dort steckt auch der Wert: Ohne einen verlässlichen Maßstab hätten wir weder gewusst, dass das ursprüngliche Modell die Liste spielt, noch, ob das Training etwas bewirkt hat. Für Unternehmen ist das die eigentliche Lehre. Ein Modell an die eigene Aufgabe anzupassen, ist heute technisch günstig. Aufwendig ist es, sauber zu messen, ob es danach wirklich besser entscheidet.

Die Grenzen unseres Experiments

Wir haben ein Modell (Strands Decider 2B in Version 19) mit einer Trainingskonfiguration für ein einziges Spiel angepasst. Der externe Test umfasst 114 Entscheidungen aus drei Partien. Kniffel hat den Vorteil einer exakt berechenbaren besten Antwort – in den meisten echten Anwendungen gibt es so einen perfekten Lehrer nicht, und Trainingsdaten sind dort deutlich schwerer zu bekommen. Ob sich die Ergebnisse auf andere Modelle, die neuere Version 21 oder andere Aufgaben übertragen lassen, ist offen.

Was wir aus der Serie mitnehmen

  1. Die Darstellung zählt. Formulierung, Bezeichnungen und Reihenfolge verschieben die Wahrscheinlichkeiten eines Entscheidungsmodells, teilweise bis zum Kippen der Entscheidung (Teil 1).
  2. Lange Listen sind ein Risiko. Bei vielen Optionen kann ein allgemeines Modell mehr auf die Position als auf den Inhalt achten (Teil 2).
  3. Gezieltes Nachtraining wirkt – wenn man messen kann. Mit einem verlässlichen Lehrer und sauberer Testmethode wurde das Modell deutlich besser und weitgehend unabhängig von der Reihenfolge (Teil 3).

Den vorherigen Teil finden Sie in 15 von 114: Was passiert, wenn ein Entscheidungsmodell Kniffel spielt, den Einstieg in Framing-Effekt bei KI: Unser Entscheidungsmodell im Kahneman-Test.

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Quellen: Hu, E. J. et al. (2021): LoRA – Low-Rank Adaptation of Large Language Models (arXiv) · Hugging Face – Strands Decider 2B (Version 19) · Tom Verhoeff – Optimal Solitaire Yahtzee (TU Eindhoven)